Analyse der jüngsten Schwarmbeben im Bereich Vilaflor–Ucanca
In den letzten Tagen haben viele Menschen auf Teneriffa wieder verstärkt auf die seismischen Daten geschaut. Besonders die Station CCAN sowie weitere Messpunkte im zentralen Inselbereich registrierten eine erhöhte Anzahl kleiner bis moderater Beben. In sozialen Netzwerken wurde schnell spekuliert – von „tiefen Magmabewegungen“ bis hin zu möglichen explosiven Szenarien.
Deshalb hier eine nüchterne Einordnung der vorliegenden Daten.
Die aktuellen Ereignisse konzentrieren sich räumlich auf den bekannten Bereich zwischen Vilaflor, der Ucanca-Caldera und dem südwestlichen Teide-Komplex. Genau diese Zone ist seit Jahren wiederholt aktiv gewesen. Bereits 2016 sowie 2017–2019 kam es dort zu vergleichbaren Schwarmphasen. Die Region ist strukturell vorbelastet – das ist geologisch bekannt und gut dokumentiert.
Die jetzt registrierten Beben zeigen in den Seismogrammen eine typische Form: impulsive Signale mit klarer Phasenstruktur. Im Spektrogramm erscheinen sie als vertikale Energieimpulse über einen relativ breiten Frequenzbereich. Das ist charakteristisch für sogenannte VT-Beben (vulkanotektonische Beben). Dabei bricht sprödes Gestein unter Spannungsänderung – vergleichbar mit tektonischen Prozessen, jedoch im vulkanischen Umfeld.
Was derzeit nicht zu sehen ist, ist mindestens ebenso wichtig:
Es gibt keinen anhaltenden harmonischen Tremor.
Es gibt keine klare Dominanz bandbegrenzter Tieffrequenzsignale im Bereich 1-4 Hz.
Es gibt keine progressive Entwicklung von VT- zu Hybrid- oder LP-Events.
Solche Muster würden auf aktive Fluid- oder Magmabewegung hindeuten. Diese Signatur ist aktuell nicht klar erkennbar.
In einzelnen Spektrogrammen fällt zwar eine leichte Energieanhebung im tieferen Frequenzbereich auf. Das allein ist jedoch kein Beweis für Magmaaufstieg. Solche Anteile können durch überlagerte Mikrobeben, Ozeanmikroseismik oder stationstechnische Effekte entstehen. Ein einzelnes Diagramm erlaubt keine weitreichende Interpretation.
Auch die Tiefenlage der meisten Ereignisse - grob im Bereich der mittleren Kruste - bewegt sich im Rahmen früherer Schwärme. Es handelt sich also nicht um ein völlig neues, unbekanntes Muster, sondern um eine Reaktivierung bekannter Strukturen.
Wichtig ist hier die saubere Unterscheidung:
Erhöhte Seismizität bedeutet nicht automatisch „Eruption in Vorbereitung“.
Sie bedeutet zunächst nur, dass im Untergrund Spannungen umverteilt werden.
Das schließt zukünftige Entwicklungen nicht aus, aber die aktuellen Daten liefern keinen belastbaren Hinweis auf eine unmittelbar bevorstehende eruptive Phase.
Für eine seriöse Bewertung einer möglichen Intrusion wären zusätzliche Parameter notwendig: deutliche LP-Dominanz, anhaltender Tremor, Deformationsdaten (GPS/InSAR), Gasveränderungen oder Infraschall-Signaturen. Solche kombinierten Hinweise sind derzeit in den öffentlich zugänglichen Daten nicht erkennbar.
Für uns hier auf der Insel bedeutet das:
Es gibt eine Phase erhöhter seismischer Aktivität.
Sie ist messbar und real.
Sie entspricht jedoch nach aktuellem Stand eher einem spröden Schwarmprozess als einem aktiven Magmenaufstieg.
Eine kontinuierliche Beobachtung ist selbstverständlich sinnvoll - Panik hingegen nicht.
Ich werde die Daten weiter auswerten und regelmäßig einordnen, sobald sich relevante Veränderungen zeigen.
